Management evolutionärer Softwareprozesse

Die Komplexität von Softwareentwicklungsprozessen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die Ursachen hierfür sind vielschichtig: Zum einen gibt es nicht mehr den einen Prozess, der sich auf alle Projekte eines Unternehmens stülpen lässt. Je nach Projekt kann beispielsweise das Maß an Agilität variieren1, wodurch bestimmte Aktivitäten oder ganze Phasen entfallen bzw. erst relevant werden. Zum anderen sind digitale Unternehmen wie Banken und Versicherungen mit einer wachsenden Zahl an Technologien konfrontiert, die jeweils unterschiedliche Dokumentationsformen erfordern. Die Spezifikationen eines Shell-Skripts, eines SAP-Customizings oder einer Java-Webanwendung beispielsweise unterscheiden sich jeweils grundlegend in Form und Inhalt. Zwar kann man die Komplexität durch eine feste Zuweisung von Spezialisten zu einer Prozessvariante beherrschbar machen. In der Praxis scheitert dieser Ansatz aber oft am akuten Mangel an qualifizierten IT-Fachkräften, der die Unternehmen zu einer äußert flexiblen Personaleinsatzplanung zwingt.

Die Universität Duisburg-Essen bietet in Zusammenarbeit mit CampusLab deshalb eine Lösung an, die an zwei zentralen Schwachpunkten ansetzt: Um die aktuelle Lücke bei IT-Unterstützung flexibler Softwareprozesse zu schließen, haben Mitarbeiter des paluno Instituts im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit2 das Tool flexSP entwickelt. Es handelt sich dabei um ein Werkzeug, das den Prozessbeteiligten je nach Projektkontext die relevanten Aktivitäten aus einem komplexen, variantenreichen Softwareprozess herausfiltert. FlexSP wurde erfolgreich in einer deutschen Universalbank evaluiert und wird seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. Daran anknüpfend bietet CampusLab ein Seminarkonzept an, mit dessen Hilfe sich das Qualifikationsproblem in zweierlei Hinsicht lösen lässt: Erstens kann die benötigte Flexibilität bei der Personaleinsatzplanung durch gezielte Weiterqualifikation der IT-Fachkräfte in den unterschiedlichen Technologien sichergestellt werden. Zweitens bietet CampusLab ein praxiserprobtes Kursangebot zur gezielten Schulung einzelner Rollen eines Softwareprozesses an. Dadurch lassen sich Entwickler, Architekten oder Anwendungsmanager auf ihre speziellen Aufgaben im Entwicklungsprozess unter Berücksichtigung der unternehmensspezifischen Besonderheiten vorbereiten. Zusammen mit der verbesserten Werkzeugunterstützung können Unternehmen Kosten bei der Auslagerung von Aktivitäten im Softwareprozess einsparen und behalten zugleich die Kernkompetenzen im eigenen Haus.


[1] Gruhn, Volker: Gezähmte Agilität – Das Beste aus beiden Welten. CIO-Handbuch – Strategien für die innovative und agile IT-Organisation Band III 2014/15, Michael Lang (Hrsg.).

[2] Benner-Wickner, Marian; Book, Matthias; Brückmann, Tobias; Gruhn, Volker (im Druck): Adapting Case Management Techniques to Achieve Software Process Flexibility. In: Marco Kuhrmann, Andreas Rausch, Jürgen Münch, Ita Richardson und (Jason) He Zhang (Hg.): Managing Software Process Evolution. How to handle process change? Berlin, Heidelberg: Springer.

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Dr. Marian Benner-Wickner

Dr. Marian Benner-Wickner

Dr. Marian Benner-Wickner ist seit 2012 als Trainer in der Weiterbildung von IT-Fachkräften tätig und Teil des CampusLab-Teams. Zudem leitet er seit 2016 den Studiengang „Wirtschaftsingenieurwesen Industrie 4.0“ im Fernstudium der IUBH Internationale Hochschule GmbH. Nach dem Studium der Technischen Informatik an der FH Dortmund promovierte er 2016 am Lehrstuhl für Software Engineering der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungsinteressen fokussieren sich auf die IT-Unterstützung wissensintensiver Geschäftsprozesse. Darüber hinaus befasst er sich mit Konzepten und Methoden zur Analyse, Dokumentation und Umsetzung von Digitalisierungspotentialen.